Presseartikel von 31.08.15

NZZ – Leben hinter den Gleisen

Die Stadt St. Gallen korrigiert Planungsfehler der Vergangenheit. Sie will das Entwicklungsgebiet hinter dem Hauptbahnhof lebendig gestalten und lanciert ein offenes Verfahren.

Sieben Publikumsgleise zählt der Hauptbahnhof in St. Gallen, dann folgt ein Abstellgleis, direkt dahinter der 2013 eingeweihte Turm der Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften. Bahnhof Nord nennt sich das Gebiet hinter dem Bahnhof an bester Lage und mit grossem Potenzial. Für etwas Leben sorgt die einstige Lokremise, die zum Kulturzentrum umgestaltet und in den letzten Jahren zu einem Anziehungspunkt geworden ist. Abgesehen von der Lokremise haben es die Planer allerdings verpasst, mit den bisher entstandenen Neubauten das Quartier lebensfreundlich zu gestalten. Entstanden ist eine Betonlandschaft, die wenig einladend wirkt. Ein Schulungsgebäude des Kaufmännischen Verbands Ost gegenüber der Lokremise strahlt mit seinen nackten Aussenwänden und verschlossenen Fensterritzen so viel Vitalität aus wie ein Betonsarg. Beim Eingang zur Fachhochschule herrscht ebensolche Tristesse in Grau, die nun immerhin mit Elementen des Urban Gardening aufgegrünt werden soll. Bei den Parkplätzen für Reisecars, die vom derzeit ebenfalls umgestalteten Bahnhofplatz hinter die Gleise verlegt wurden, fehlt es weit und breit an Unterständen für die Wartenden. Auch hier soll nachgebessert werden.

Architekten mit Gespür

Den entscheidenden Schritt für eine Aufwertung aber hat die Stadtregierung diesen Frühling getan. Sie rang sich durch, das alte Gebäude des Spanischen Klubhauses mit seinem Restaurant zu kaufen, das sich mitten im Quartier befindet, ebenso eine angrenzende Liegenschaft. Damit gehört der Stadt nun ein ganzes Geviert, was eine vernünftige Planung ermöglicht. Involviert ist auch der Kanton St. Gallen, der als wichtigster weiterer Grundeigentümer beweisen kann, dass ihm die gedeihliche Entwicklung der Kantonshauptstadt am Herzen liegt. Konkret möchte die Stadt dem Kanton ein Areal abkaufen, das derzeit von den SBB als Parkplatz genutzt wird. Nach Jahren der Passivität haben die Behörden realisiert, dass ein konzept- und ideenloses Weiterwursteln im Quartier hinter den Gleisen in einer lebensfeindlichen Sackgasse enden würde.

Dazu bedurfte es allerdings heftiger öffentlicher Kritik und ebensolcher Interventionen durch den Heimatschutz, durch Stadtparlamentarier und von Architekten. Ursprünglich wollte die Stadt das Spanische Klubhaus nicht kaufen, vielmehr gelangte es ins Eigentum von drei Familienausgleichskassen, die es abreissen und ein weiteres Bürogebäude realisieren wollten. Der geplante Architekturwettbewerb platzte jedoch, weil sich zwei von vier eingeladenen Büros zurückzogen, ebenso zwei Jurymitglieder. Sie bewiesen Gespür für ein aufziehendes Planungsdesaster, das auf Jahrzehnte hinaus eine lebendige Entwicklung des so zentralen Quartiers verunmöglicht hätte.

Erdgeschosse fürs Publikum

Die fürs Bauliche zuständige Stadträtin Patrizia Adam und Stadtplaner Florian Kessler informierten am Montag über das weitere Vorgehen. In einem partizipativen Verfahren sollen Experten und Vertreter der Stadtbewohner nun das künftige Gedeihen des Quartiers diskutieren und skizzieren. Einbezogen wird etwa die Bürgerbewegung «Tisch hinter den Gleisen». Zudem sollen vier interdisziplinäre Teams städtebauliche Vorschläge ausarbeiten. Die Umsetzung samt Wettbewerbsverfahren ist dann ab 2017 geplant.

Das Ziel besteht laut Florian Kessler darin, «dem Quartier eine Identität zu geben». Insbesondere soll «die Aufenthaltsqualität im Aussenraum verbessert» werden, indem Erdgeschosse, statt sie wie bisher zuzubetonieren, für den Publikumsverkehr geöffnet werden. Das sind gute Aussichten, vor allem im Rückblick auf Pläne der Post aus den 1980er Jahren, das Quartier hinter den Gleisen zu einem Paketzentrum zu machen. Sie scheiterten – zum Glück – aus betriebswirtschaftlichen Gründen.

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Saiten – Jetzt hat auch die Stadt gemerkt, dass es einen «Tisch hinter den Gleisen» braucht

Der Bahnhof Nord heute: Eine Beton-Wüste, wo niemand verweilt. Zufällig hingeworfene Neubauten und Altbauten drängen sich um einen Parkplatz.

Der Bahnhof Nord dereinst: Ein Platz mit Markthalle, ein Ort mit einem Haus mit Bar und Kinderkrippe oder eine «Kulturzentrale». Auf jeden Fall aber: ein belebtes Quartier.

Mit solchen Ideen hat der «Tisch hinter den Gleisen» letzten Winter für Aufsehen gesorgt. Vorangegangen war im August 14 ein vom Heimatschutz St.Gallen/AI initiierter Diskussionsabend «Bahnhof Nord – wie weiter?». Hinter dem «Tisch» stand eine Gruppe junger Stadtbewohner. Diese hatte genug von Planungswirren, rief zur öffentlichen Debatte – und traf damit einen Nerv.

Regelmässig traf sich der «Tisch», eine offene Runde, im Spanischen Klubhaus. Ideen wurden gesammelt, Aktionen diskutiert. Immer wieder wurde aber auch gefragt: Was bringt das? Werden wir überhaupt gehört?

Immerhin liess sich nebst Stadtparlamentariern und Quartiervereinlern auch der damals frisch ins Amt eingestiegene Stadtplaner Florian Kessler am Tisch blicken. Wenig später gab er bekannt, dass sich die Stadt die Häuserzeile rund ums Klubhaus gesichert hatte.

«Baulücken füllen»

Und jetzt lädt auch die Stadt zu ihrem offiziellen «Tisch hinter den Gleisen». Wie sie heute mitteilte, soll das Areal «gesamtheitlich betrachtet und entwickelt» und die heutige Situation «massgeblich verbessert» werden.

«Es geht aber nicht darum, Baulücken zu füllen», sagte Kessler vor den Medien. «Wir wählen den partizipativen Ansatz wegen der zentralen Lage des Gebiets und des grossen öffentlichen Interesses daran.»

Kessler erklärte dann gemeinsam mit Stadträtin Patrizia Adam, wie diese partizipative Planung ablaufen soll: Zuerst wird eine Bestandesaufnahme gemacht, etwa mit der Befragung von Quartiernutzern. Dann kommt es ab April 2016 zum «Dialogischen Testplanungsverfahren».

Ideen sammeln im «Worldcafé»

In diesem treffen sich verschiedene Gruppen und formulieren Bedürfnisse. So etwa die Gruppe «Worldcafé»: Dort können grundsätzlich alle mitreden und Ideen einbringen – wie seinerseits am «Tisch». Daneben treffen sich auch die Grundeigentümer, das Gewerbe und die Verwaltung.

Aus diesem ziemlich ausgedehnte Brainstorming wird dann eine Testplanung erstellt, die in einem dritten Schritt wiederum zur Diskussion gestellt wird. So soll eine Grundlage dafür entstehen, wie und was auf dem Areal weiter gebaut werden soll. Im Frühling hiess es etwa, dass Läden, Restaurants oder ein Hotel entstehen könnten.

Für die Planung hat die Stadt dem Parlament einen Kredit von 460’000 Franken beantragt. Dieses wird voraussichtlich am 15. September darüber entscheiden. Übrigens verhandeln Stadt und Kanton immer noch, wie es mit dem unschönen SBB-Parkplatz weitergehen soll – eine Option ist, dass der Kanton das Gelände der Stadt verkauft.

Der «Tisch» sitzt weiterhin am Tisch

«Wir begrüssen es natürlich, dass die Stadt nun zu einem partizipativen Verfahren einlädt», sagt Roman Rutz von der Gruppe rund um den «Tisch hinter den Gleisen». Die Frage sei allerdings, wie ernst die Anliegen der Basis genommen werden – oder ob «ökonomische Interessen wie bisher stärker gewichtet werden». Die Gruppe werde sich jedenfalls mit an den runden Tisch ins Worldcafé setzen und aufmerksam beobachten, was dort passiert. Weiterlesen

 

Tagblatt – Viel Potential hinter den Gleisen

Der St.Galler Stadtrat will die Entwicklungsmöglichkeiten des «Bahnhof Nord» ausloten und beantragt beim Stadtparlament dafür einen Kredit von 460’000 Franken. Grundeigentümer und Nutzer sollen in den Planungsprozess miteinbezogen werden.

Mit dem Bau der Fachhochschule und der neuen Bahnvorfahrt Nord sei das Gebiet hinter den Geleisen aufgewertet worden, sagte die zuständige Stadträtin Patrizia Adam am Montag vor den Medien. Nach dem Kauf mehrerer Liegenschaften ist die Stadt nun Eigentümerin des gesamten Areals nördlich der Lagerstrasse zwischen Klubhausstrasse und Fachhochschulzentrum. Mit dem Kanton laufen Verhandlungen über den Kauf des SBB-Parkplatzes.

Markthalle, Kinderkrippe, Altersheim
Das Potenzial des Areals solle nun gesamtheitlich betrachtet und entwickelt werden. Eine umfassende Planung solle die hohen städtebaulichen Ansprüche berücksichtigen. Es gehe aber nicht darum, Baulücken zu füllen, sagte Stadtplaner Florian Kessler. Das grosse öffentliche Interesse an dem Areal werde miteinbezogen.

Die Bevölkerung nimmt jetzt schon regen Anteil daran, was mit dem Gebiet «Bahnhof Nord» zwischen Fachhochschule und Villa Wiesental passiert. Am «Tisch hinter den Geleisen» werden seit Anfang Jahr Vorschläge für die Entwicklung des Areals Hauptbahnhof Nord gesucht. Die Ideen reichen von einer Markthalle über Kinderkrippen bis hin zum Altersheim. Auch Wohnprojekte oder ein Volkshaus wurden skizziert.

Neustart gefordert
Ziel müsse sein, «unter Einbezug aller Betroffenen ein vielfältig genutztes und attraktives Zentrumsquartier zu entwickeln, insbesondere mit städtebaulich und gestalterisch vorzüglichen Bauten sowie aufgewerteten öffentlichen Räumen und Freiräumen», heisst es in dem an den Stadtrat überwiesenen Postulat «Neustart Bahnhof Nord».

«Die Partizipation hat klare Grenzen», sagte Kessler. Das dreistufige Planungsverfahren bilde die Grundlage für die bauliche Entwicklung des Areals. Eine Änderung des Überbauungsplans etwa fällt in die Kompetenz des Stadtrats. Über den Kredit von 460’000 Franken entscheidet das Stadtparlament voraussichtlich am 15. September. (sda)
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